Helft den Radiorettern!

Der WDR ist einer der geschichtsträchtigsten Sender unseres Landes. Aus der Geschichte der Neuen Musik ohnehin nicht wegzudenken, steht der WDR seit Jahrzehnten für ein qualitativ hochwertiges und diverses Programm, großartige Klangkörper und innovative Formate.

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Dass wir in einer Zeit leben, in der solch gesunde Biotope bedroht werden, in der die Reform der Rundfunkgebühren zum Scheinanlass genommen wird, das Gute und Gewachsene zurechtzustutzen und zu banalisieren, sowie das Niveau herunterzuschrauben (ohne das sich je jemand über „zuviel Niveau“ beschwert hat, eher über das Fehlen davon) sollte sich inzwischen herumgesprochen haben.

Nun ist also der WDR an der Reihe, oder zumindest: könnte an der Reihe sein, wenn aktuelle Trends von der Intendantin Monika Piel (einige von euch mögen sich noch an mein schöngefälschtes Interview mit ihr erinnern) fortgeführt werden. Hierzu ist nun eine Initiative ins Leben gerufen worden, deren Text man hier nachlesen kann, und die man auch unterschreiben und unterstützen kann.

Einer der Kernsätze des Aufrufs an Monika Piel lautet: „Die Wirkungen dieser Programmpolitik sind katastrophal. Ein Kulturprogramm verarmt und nicht einmal das Argument, man könne mit weniger Qualitäts-Einschaltradio und mit mehr Begleitmusik auch mehr Hörer gewinnen, stimmt. Im Gegenteil: Die Hörerzahlen sind weiter gesunken (sic!). Auch Sie kommen deshalb an der Erkenntnis nicht vorbei: Die allmähliche Zurichtung eines anspruchsvollen Kulturprogramms in ein leicht konsumierbares Häppchenangebot („Kultur to go“) ist nicht nur schädlich, sondern auch gescheitert. Und die Fortsetzung falschen Denkens löst nicht die Probleme, die es schuf.“

Es ist ein bisschen wie mit den kürzungsgefährdeten Theatern. Was mir einfach nicht in den Kopf will: wenn Publikumsgeschmack als Grund für sinkende Besucherzahlen angenommen wird, rudern viele Theater dagegen, indem sie sich dem Publikum gegenüber mit einem immer kleiner werdenden Repertoire aus altbekannten Stücken anbiedern um dann in einem Anfall unglaublicher Naivität zu glauben, dass das Publikum das Erwartbare am meisten liebt. Das stimmt aber nicht: Das Publikum liebt gerade die Reibung und das Aufregende, aber vor allem eins: Das Unerwartete.

Wenn ich nun als Intendant merke, dass Csardasfürstinnen und lustige Witwen nun auch keinen mehr hinter dem Ofen hervorlocken und vor allem kein neues Publikum erzeugen, dann wäre doch der richtige Schluss, es nun mit dem radikalen Gegenteil zu versuchen : DENN MAN HAT NICHTS ZU VERLIEREN. Flucht nach vorne scheint mir der einzige Weg zu sein, vor allem, wenn man ein NEUES Publikum finden will.

Womit wir wieder beim Rundfunk sind: Wenn die Quoten sinken, auch wenn man immer harmloser geworden ist, dann muss man die Quoten vielleicht irgendwann als Konsequenz eines gesellschaftlichen Wandels verstehen und muss sich Gedanken machen, wie man höhere Qualität erzeugen könnte anstatt diese abzuschaffen.
Höhere Qualität ist nichts schlechtes, sie ist kein Makel, es ist keine Schande. Aber das geht in die Köpfe der Verantwortlichen nicht hinein. Ein Fußballfan kann Qualität unterscheiden – wenn er die Wahl zwischen einem Spiel zwischen Barca und Man U oder einem Spiel zwischen zwei Amateurligamannschaften hat, welches wird er sich anschauen? Wenn man sich die öffentlich rechtlichen Programme anschaut, hat man aber das Gefühl, dass zwar bei einer Sportübertragung ein Barca-Man U Spiel bevorzugt würde, man sich aber in anderen Bereichen mit der alleruntersten Amateurliga zufrieden gibt (oder die Sparten so zusammenkürzt, dass nur noch allerunterste Amateurliga möglich ist).

Auf meinen Reisen habe ich etwas Interessantes festgestellt – sehr oft sitze ich im Taxi und stelle fest, dass die Taxifahrer ein hochanspruchsvolles Kulturprogramm oder ein experimentelles Hörspiel angeschaltet haben und eben nicht dem Klischee entsprechen und Wumsti-Musik hören. Man kann gerade mit Taxifahrern die spät in der Nacht fahren (und daher oft herumstehen und warten und dabei Radio hören) die tollsten Gespräche über kunstvolle zeitgenössische Musik aller Arten oder über die wildesten Literatursendungen führen. Sie wissen Bescheid, denn sie sind Vielhörer, und jeder Radiovielhörer wird irgendwann zum Kenner, auch ohne Vorbildung. Als Vielhörer halten sie das Mainstreamprogramm irgendwann nicht mehr aus, es macht sie physisch krank. Irgendwann landen sie bei der Alternative: den stilleren aber inhaltsreicheren Sendungen, bei denen man auch ein bisschen zuhören muss und sich nicht nur berieseln lässt.

Taxifahrer sind der Beweis für die Möglichkeit der Erfüllung des Kulturauftrags.

Man sollte doch mal folgendes Experiment machen: Man setze 100 Menschen in kleine Zellen in denen zwei Radioknöpfe sind, einer von ihnen ist immer eingeschaltet, und es läuft immer etwas aus einem von zwei Sendern, man kann es nicht abschalten. Auf dem einem Sender läuft immer die selbe CD von Kate Perry, ununterbrochen. Auf dem anderen Sender liest Ulrich Tukur den kompletten „Ulysses“ vor. Welchen Sender hätten nach spätestens einem Tag alle, aber auch wirklich alle 100 Versuchspersonen eingeschaltet? Na?

Zugegebenermaßen ein plakatives Experiment, aber ich garantiere euch, es würde funktionieren. Es ist ganz einfach: Qualität ist anziehend, man muss nur ein wenig Geduld haben.

Das ist der eigentliche Auftrag des Kulturauftrages: Habt Geduld. Ein guter Wein muss reifen. Ein guter Whisky muss lagern.

Und um den Kulturauftrag zu erfüllen, muss es jetzt heißen (wie es auch schon ein Kollege formuliert hat): Mrs. Piel, sie werden gebraucht.

Ich hoffe, sie weiß das auch. Daher: unterschreiben! Sie daran erinnern!

Moritz Eggert

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8 Antworten

  1. Josh sagt:

    Bist du mal mit den Taxifahrern ins Gespräch gekommen, die das anspruchsvolle Radioprogramm hören? Es sind oft hochqualifizierte Migranten (z.B. Ärzte aus dem Iran), die hier nicht in ihren Stammberufen arbeiten dürfen und stattdessen Taxi fahren (müssen). Aber was will mein Hinweis sagen? Dies hier: Die Wirklichkeit ist komplexer als der WDR denkt – und auch als viele Journalisten.

  2. Goljadkin sagt:

    Und als hätte es noch eines Beweises für Moritz Eggerts These vom kulturradiohörenden Taxifahrer bedurft:

    Nr. 1782
    Nr. 2883
    Nr. 3237

    auf der Unterzeichnerliste. Immerhin …

    Goljadkin

  3. wechselstrom sagt:

    Tja, die Berater …

    Eine Berufsgruppe, die sich in alle Zusammenhänge eingenistet hat, überall mitspricht, nirgendwo Verantwortung trägt, von der Ausbildung her meist unbelesen ist, und in früheren Zeiten an Haustüren klingelte, um Staubsauger zu verkaufen.

    Heute sitzen sie in Banken, Parteibüros und Rundfunkanstalten, treiben dort ihr Unwesen; manchmal nennen sie sich Manager, und inzwischen sitzen Sie auf Intendantensesseln.

    So erfahren wir heute nicht mehr, was bspw. der Politiker gerne gestalten oder durchsetzen möchte – sondern wir erfahren, wodurch sich der Politiker von den anderen Politikern abgrenzt, um bei den nächsten Wahlen gut punkten zu können.
    Und wir hörern im Rundfunk nicht mehr das, was sich der Komponist ausdenkt, sondern das, was die Mehrheit darüber denkt, was ein Komponist komponieren sollte.

    Als ich das Bild von Emma Peel- ähem Monika Piel sah, dachte ich an eine Geschäftsführerin eines erfolgreichen Trachtenmoden-Geschäfts in der Salzburger Innenstadt – dort gehört sie auch (wieder) hin.

    Emma Peel – ach, was waren das für Zeiten …

    – wechselstrom –

  4. jazzcity sagt:

    Lieber Moritz Eggert, kleine Vorsichtsmassnahme: tragen Sie Ihr „plakatives Experiment“ nirgendwo vor, wo es Menschen erreichen könnte, die auch nur ein wenig von empirischer Sozialforschung verstehen.

  5. Emma Peel – ach, was waren das für Zeiten …

    wie wahr!

    @Josh: klar, mir ist bewusst, dass dies die Geschichte vieler Taxifahrer ist. Aber das Wichtigste ist: Sie leben in Deutschland und sind damit Zielpublikum unseres Rundfunks und damit Teil des Aufgabengebiets von Mrs. Piel

  6. Alexander Strauch sagt:

    Taxifahrer: Als leidenschaftlicher Taxi-Junkie fällt mir in den letzten Jahre auf, wie selten inzwischen Weichspülsender gehört werden, wenn einmal Klassik ertönt. „Klassik Radio“, das Vorbild für „Quotengerechtigkeit „all dieser Intendanten-Piels, Pohls und Puhbs, verschwindet kontinuierlich aus den oberen Rängen! Gehört werden, wenn Klassik, die öffentlich-rechtlichen aus den Lokalen ARD-Gliedsendern bzw. DLF und DLR. Meist ist der Taxler gar überhöflich und dreht die Musik ganz leise, schaltet nicht aus, so dass im Display sein gerade gehörter Sendefavorit abzulesen ist.

    Ja, die Mehrheit der Fahrer hört tatsächlich Radio Hit-Schiess-Mich-Tot XX99. Allgemein hält sich dies aber auch in Grenzen, an welchen Geschmäckern oder Taxibetreibervorgaben dies generell liegen mag. Der wahre Kultur-Taxifahrer hört übrigens am ehesten Musik von Tonträgern, sei es Jazz, französischer Banlieue-Rap, Chopin-Pogorelich oder schlichtweg Literatur als Hörbücher. Für die ist der Fahrgast das Häppchen und Kultur gibt’s komplett am Stück, wie es die Dauer der Schicht eben hergibt. Wann ist übrigens Schicht im Schacht für Frau Piel und für Herrn Peter Boudgoust? Die Abschaffung ihrer Postens wäre doch mal ein Beitrag zur Einsparungsdebatte…

    A. Strauch

  7. Radiowaves sagt:

    Taxifahrer… unvergessen bleibt mir eine Fahrt vom Mainzer Hbf zu einem Bekannten: der Taxifahrer war Türke und hörte den DLF! Ein weitgehend-Wort-Programm! Die jungen deutschen Taxifahrer im Osten, an die ich gerate, haben meist den lokalen Hitdudler laufen. Ob privat oder öffentlich-rechtlich, ist dabei inzwischen ja vollkommen egal. Es ist überall der gleiche erbärmliche Brei. Mit diesen Fahrern kann man sich aber außer über „Wetter ist sch…“ auch über nichts unterhalten.

  8. Josh sagt:

    Noch was zu den schlauen Taxifahrern: hier ein WDR-Beitrag von 2010: http://www.wdr.de/mediathek/html/regional/2010/09/29/lokalzeit-dortmund-akademiker.xml