weichholzspäne aus köln und cannstatt

neulich saß ich in meiner neuen stuttgarter küche, die eigentlich schon keine neue küche mehr ist, nur für mich ist sie halt neu und da saß mir gegenüber ein new yorker komponist, der sich auf die solitude in stuttgart verirrt hatte, nein, dort war er bewusst hingekommen, zu mir hatte er sich verirrt, er konnte ja nicht ahnen, dass ich ihn dazu überreden wollte, mit mir das neue ikea-bett zusammen zu schrauben, was ich schon alleine versucht hatte, was sich als fataler irrtum erwies, denn im übermut hatte ich diese kleinen weichholzstäbchen in alle möglichen löchlein gestopft, in die sie aber gar nicht gehörten. erst habe ich mich noch gewundert, warum das so schwer geht, später wusste ich es, aber da war es schon zu spät und dieser nette new yorker komponist musste mir an seinem einzigen freien tag im sommerferienlager, das frau czernowin auf der solitude aufgeschlagen hatte, zunächst dabei helfen, diese weichholzstäbchen wieder aus den lackierten weichholzbrettchen zu befördern. und das, wo wir beide überhaupt keine erfahrung darin hatten, schwierigkeiten damit zu haben, irgend etwas wieder raus zu kriegen, wenn man es erst einmal drin hatte, zumal mit gewalt. einige dieser weichholzstopfen waren unrettbar, doch ein glück hatte ich reserveweichholzstopfen den billy-regalen abgetrotzt, nie mehr ikea hatte ich mir geschworen, schon vorher, und dann nach dem preisvergleich die kognitive dissonanz bewältigt, indem ich… nein, die ist unbewältigt, und wer will schon zu ikea, und das wo wir einen vollholz-ministerpräsidenten haben, da ist pressspan schon subversiv, oder wie? einige flaschen weins vom nahegelenen keller des „weingut stuttgart“ sollten uns vorab entschädigen für die zu erleidenden qualen, interessanterweise war es die cuvée mit schloss solitude auf dem etikett, die an diesem heissen sommernachmittag unseren zuspruch am meisten fand, während wir dünne bretter bohrten und dicke würste brieten.
warum ich das erzähle, weil, als wir da saßen und aßen, mit wein und würsten und geschmeltzen zwiebeln, und so erzählten, da erzählte er mir von all den komponisten, die nach köln gingen, weil sie gehört hätten, dass jetzt dort wieder was los sei, der komponist aus new york sagte das, und es stimmt, und wenn ich so nachdenke, dass sich doch inzwischen drei neue ensembles hier angesiedelt haben und dass köln ja wirklich nicht so unangenehm zum leben ist, da habe ich mich gefreut auf das neue zentrum für neue musik, das die stadt und das land uns hier bald bauen und dass die ganze fragerei, „neue musik wozu“, nur von leuten kommen kann, die einsam an ihrem schreibtisch sitzen, während es doch die natürlichste sache von der welt ist, wenn man aufeinander hockt, so ein bisschen sommerlagermäßig, nur eben auch im winter, und den kopf voll ideen, dass es dann gut wird, auch hier, selbst mit ikea-regal und schon gar in köln.

phahn

Musikjournalist, Dramaturg

1 Reaktion

  1. Du bist unser Thomas Bernhard des Blogs, Patrick!

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