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Heimliche Aufforderung

Wie sich Christian Thielemann im Mai 2011 in der Berliner Philharmonie entblößte

Neulich in der Philharmonie (6. Mai 2011). Thielemann dirigiert die Berliner Philharmoniker. Mit einem reinen Richard-Strauss-Programm. Strauss, das kann er – denk ich. Und: Nette Begleitung habe ich auch – denk ich. Strauss – klar, ein ganz schöner Mitläufer war er, der Strauss. (Goebbels und Strauss auf dem Sofa – das zeigt sogar das Programmheft des Abends. Was ist da denn los? Das war doch bestimmt nicht Thielemanns Idee – denk ich. Also das mit dem Foto…). Ein Nazi. Aber natürlich nicht so krass wie Pfitzner. Und – im Vergleich – der deutlich bessere Komponist.

Thielemann hat sich das Programm ausgesucht. Alles sieht nach “Ich zeige euch mal, was der Strauss alles noch so tolles komponiert hat – und was ihr noch gar nicht kennt!” aus. Die Institution Berliner Philharmoniker trifft offensichtlich keine Schuld. Meine Vermutung: Man hat erst ganz spät gemerkt, was sich Thielemann da für Werke heraus gesucht hat… Und sich dann geduckt – und gehofft, das niemand etwas merkt…

Die Mitte des Konzerts bildeten größtenteils unbekannte Werke für Gesang und Orchester. Die Solisten: Champions League: Renée Fleming und Thomas Hampson.

Als Ouvertüre und Schlußpunkt des Abends aber: Musik, die – wird sie ausgerechnet von Thielemann dirigiert – noch ekelhafter wirkt als ohnehin schon. Es beginnt mit der “Festmusik der Stadt Wien” – ein Werk für Blechbläser allein. Zitat aus dem Programmheft:

Baldur von Schirach, »Reichsjugendführer« und seit 1941 Statthalter von Wien, hatte 1942 den Beethovenpreis der Stadt Wien neu ausgelobt und mit 10.000 Reichsmark dotiert – ein Propagandainstrument in schwerer Zeit, dem Ruhm der deutschen Kunst zugedacht. Als erster Preisträger wurde Richard Strauss ausersehen: Er nahm die Würdigung am 16. Dezember im Wiener Rathaus entgegen und revanchierte sich postwendend für die Ehre mit der Komposition der Festmusik für Blechbläser und Pauken, die er am 9. April 1943 zur Feier des fünften Jahrestags von »Großdeutschland« mit dem Wiener Trompetenchor uraufführte, als Jubiläumsgabe zum Einmarsch der Nazis in Österreich. So weit die Fakten.

Soweit die Fakten. Mmh.

Und?

Und was lässt Thielemann ganz am Schluß des Konzerts spielen? “Gott sei Dank” – denk ich, ein unverdächtiges Werk, 1913 komponiert.

Ganz hinten im Programmheft erfährt man dann aber doch anderes. Denn die Philharmoniker weisen – eine schöne Idee – bei jedem Werk darauf hin, wann es zuletzt von den Philharmonikern gespielt wurde. Und siehe da: Das “Festliche Präludium für großes Orchester und Orgel C-Dur, op. 61″ erklang zuletzt 1943 anlässlich der Vorfeiern zu dem Geburtstag von Christian Thie…, entschuldigung: von Adolf Hitler.

Später kommt heraus, dass es sich bei diesem Hinweis im Programmheft offenbar um einen Fehler handelte. Das Stück sei nach Hitlers großer Kindergeburtstagsfeier noch zwei weitere Male von den Philharmonikern gespielt worden. Merkwürdig, denn das Werk ist nun wirklich mehr als mittelmäßig…

Nun könnte man sagen: Das hat Thielemann nicht gewußt. Andererseits begann das Konzert ja schon mehr als “verdächtig”. Was also tun?

Gar nichts – denk ich und lese in den Folgetagen mit Beruhigung alle Kritiken des Konzerts, in denen durchweg Worte wie “widerlich” und “anrüchig” fallen – so in den Kritiken in der Berliner Zeitung, im Tagesspiegel, im Kulturradio vom rbb – und in der Welt (hier langt der Autor ganz schön zu, aber völlig berechtigt).

Ein paar Tage vergehen.

Trotzdem, meinen “Thielemann-Katalog” bekomme ich nicht mehr aus dem Kopf. Ein inzwischen viel zu kompletter Katalog. Darunter viele Gerüchte. Aber woher kommen die? Ich sage ja immer: Es gibt kein unpolitischeres Umfeld als das eines Orchesters. Von einer “linken Orchesterszene” kann man nicht sprechen. Warum also – trotzdem – die Thielemann-Nazi-Gerüchte? Wer will ihm denn etwas böses? Vielleicht ja niemand, vielleicht stimmen einige der Gerüchte einfach…?
Rechtsextreme, antisemitische, ausländerfeindliche Äußerungen werden Thielemann schon seit Jahren nachgesagt. Einmal lehnte er das Dirigat einer “Tannhäuser”-Inszenierung ab, weil ihm die Inszenierung von David Alden “zu undeutsch” dünkte. Im Sommer 1995 schrieb der “Tagesspiegel”, Thielemann hätte bei einer Plattenaufnahme Ausländerwitze gemacht und andernorts über den Einfluss “der Juden” in der Musikszene schwadroniert. Dann ein Ausspruch Thielemanns, gegen den er sogar gerichtlich vorging. Als es vor mehr als zehn Jahren so schien, als ginge Daniel Barenboim aus Berlin weg, habe Thielemann gesagt: “Jetzt hat die Juderei in Berlin ein Ende”.

Neulich meinte ein Kollege zu mir, er würde Thielemann gerne interviewen, weil er eigentlich in jedem Gespräch die Hosen runterließe. Tatsächlich findet sich noch fast in jedem Thielemann-Interview eine Äußerung, die einen merkwürdigen Beigeschmack erhält. Dann geht es meistens um Fragen des Repertoires (Warum kaum jüdische Komponisten? Warum Musik des üblen Antisemiten Pfitzners zusammen mit Hitlers liebster Bruckner-Sinfonie in einem Konzert? Weil diese Art der “Verbindung” eh keinem Dramaturgen im Programmheft auffällt? Oder weil er sich zumindest keinesfalls trauen würde, zu protestieren?) oder um Fragen der Urlaubsplanung (warum eigentlich Ostpreußen?).

Natürlich hat Thielemann noch nach keinem Konzert den Hitlergruß gen Publikum gezeigt. Aber nach dem Konzert Anfang Mai 2011 in der Berliner Philharmonie hätte man sich nicht wundern dürfen, wenn ein Teil der Konzertbesucher sich dazu hätte hinreißen lassen. – Das bestätigten mir sogar Kollegen, die ganz und gar nicht zu politischen Verschwörungstheorien neigen.

Wieder vergehen ein paar Tage.

Gestern stieß ich dann auf einen Leserbrief, der auf den “Welt”-Artikel Bezug nimmt.

Der Leserbrief beginnt unverdächtig, gibt dem Autor scheinbar Recht. Doch schnell wird klar: Es geht hier einzig und allein um Relativierung. Gipfelnd in dem Satz: “Die Zucht von Deutschen Schäferhunden hätte schon längst unterbunden werden müssen, da Hitler einem solchen zugetan war.”

Hier versucht sich eine Person offenbar an dem Schlussstrich-Argument. Und relativiert auf eine Weise, die so ekelhaft ist, dass ich mich jetzt – obwohl das anders geplant war – aufrege. Neulich, beim Besuch der Ausstellung “Ordnung und Vernichtung – Die Polizei im NS-Staat” wurde mir – wieder einmal (viele gute Historiker haben uns das gelehrt) – klar, wie institutionelle Strukturen in der Nachkriegszeit in Deutschland noch lange braun überzogen, wie viele, ja sogar polizeiliche Machtpositionen von schlimmsten Nazis noch jahrzehntelang besetzt waren. Und die Lehre daraus ist, nicht das Nachkriegsdeutschland gleich über Bausch und Bogen zu verdammen, sondern einfach differenziert aufzuzeigen, wie es war. (Schlimm war’s. Braun war’s. Und gerichtlich verfolgt wurde nur marginal. Genauso marginal, wie NS-Opfer entschädigt wurden.) Und dass daraus für uns Jüngere erst nachvollziehbar wird, wie sich eine Generation – die 68er – aufregen musste. Und das natürlich völlig zu Recht.

Zurück zu dem Leserbrief. Hier spricht jemand in eben jenem dummen Nachkriegsdeutschland-Relativierungs-Slang zu uns, der eine differenzierte Betrachtungsweise nicht will, der all die Errungenschaften einer genauen Aufarbeitung der NS-Verbrechen lautstark ignoriert – und am liebsten verbieten will.

Und wer hat diesen Leserbrief geschrieben?

Es ist Erika Steinbach. Eine bislang – im Vergleich zu Thielemann – noch undiskutablere Person, die – um nur ein Beispiel ihrer unglaublichen Dummheit zu nennen – als Mitglied des Bundestages 1991 gegen die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze stimmte.

“Die Geister, die ich rief…” – Thielemann hat danach gebrüllt. Und jetzt hat er Steinbach mit im Boot.

Und wen bald noch?

Ich erinnere mich, wie ich neulich nach Köpenick musste, wo ich plötzlich vor der NPD-Parteizentrale stand, die ein Plakat draußen aufgehängt hatte: “Sarrazin hat Recht!”

Sarrazin darf das natürlich öffentlich nicht gut finden. Genauso wenig, wie Thielemann den Hitlergruß zeigen darf. Im Grunde möchte er aber genau das.

Frei heraus: Christian Thielemann ist ein Nazi.

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6 comments to Heimliche Aufforderung

  • Und wann kommt Thielemann als “artist in residence” ans Konzerthaus Berlin, lieber Arno?

    Scherz beiseite – DANKE für diesen Artikel…Ich finde es ehrlich gesagt nicht das Problem, bestimmte Stücke zu spielen (auch nicht Pfitzner, der ganz tolle Sachen geschrieben hat, aber menschlich halt relativ indiskutabel war – wie viele andere Komponisten auch) – das kann man noch unter musikhistorisch begründeter Darstellung von Musik auch in dunklen Zeiten verbuchen – aber Thielemanns Agenda ist fraglos zweifelhaft.

    Zu Thielemann höre ich immer ganz oft “Er ist politisch sicherlich bedenklich, aber doch ein großer Dirigent”. Henze verehrt ihn trotz mehrerer Absagen von seinen Uraufführungen nach wie vor abgöttisch, im Ausland wird er für seine “deutschen” Interpretationen stets gefeiert, Komponisten wie Jörg Widmann arbeiten gerne mit ihm, Christoph Schlingensief traf sich mit ihm zum Kakerlakenrennen im Nachtleben Berlins (für die ARTE-Sendereihe “Durch die Nacht mit…”).

    Das Unheimlichste ist also nicht Thielemanns kaum verhohlene Rechtslastigkeit (sicherlich das offenste Geheimnis der Musikszene) sondern wie viel Erfolg man damit haben kann und wie wenig es letztlich ausmacht, wenn man diese Position ziemlich freiherzig einnimmt.
    Während Lars van Trier bei der Pressekonferenz mit einem eindeutig zynisch und ironisch gemeinten “Ich bin ein Nazi” riesige Wutstürme der Kritik auslöst, bleibt es dagegen um Thielemann immer erstaunlich still. Niemand regt sich über ihn auf (außer z.B. der Bad Blog).

    Ach ja, neulich war er in München bei der Filmreihe von Edgar Reitz in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, bei der sich Prominente Filme aussuchen können, die erst gezeigt und dann diskutiert werden. Welchen Film suchte sich Thielemann aus? “Romanze in Moll” von Helmut Käutner, gedreht in vollster Ablenkungspropaganda zur Hochzeit der Naziherrschaft (1943) von einem Naziregisseur, mit Nazidarstellern und Nazimusik. Edgar Reitz sagte mir später, er hätte noch nie über ein filmhistorisch wie künstlerisch so abscheuliches und gleichzeitig auch noch uninteressantes Machwerk diskutieren müssen. Thielemann begründete die Wahl damit, dass ihn als Kind der Dirigent im Film beeindruckt hatte.
    Kann sein, dass er gar nicht viele andere Filme kennt.

    Wie auch immer: Wegen des großen Publikumsandranges musste die Akademie in den Saal der Akademie der Wissenschaften ausweichen, der dann auch bis zum letzten Platz mit fanatischen und begeisterten Thielemann-Fans besetzt war. Denen hätte er auch eine Folge von GZSZ vorführen können, und sie hätten es für genial und verehrungswürdig gehalten.

    Und das ist das eigentlich Schlimme daran.

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  • sehr guter Artikel!

    Lieber Eggy, kannst du dem Thilemann bei der nächsten Zusammenkunft der ordentlichen Mitglieder der Bayerischen Akademie der schönen Künste die Wadeln gerade richten?

    Herzlichen Dank

    – wechselstrom -

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  • ProPetz

    Neuchlich habe ich folgendes Programm zusammengestellt:

    Schoenberg “Überlebender”,
    B. Frankel Violinkonzert “In Memory of the six Million”
    Schoenberg “Kol Nidre” und
    Bernstein Sinfonie Nr. 1 “Jeremiah”

    Vielleicht hätte Thielemann dazu noch was beizutragen?
    Wäre eine Anfrage wert…

    Gruß!

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  • Arno

    @ProPetz: Vielen Dank. Gutes Programm! Nur das Frankel-Violinkonzert kenne ich nicht. Ist das empfehlenswert? Also: jetzt so wirklich empfehlenswert? :-) Übrigens hat sich Thielemann ja in letzter Zeit immer mal wieder geäußert, dass er sich jetzt doch an Mahler herantrauen will (warum wohl Jahre lang nicht, mh?)… Und was möchte er machen (oder hat er schon?): na klar, die “Sinfonie der Tausend”… Wenn Mahler, dann das… Aua. Das Kopfschütteln geht weiter.

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  • @wechselstrom: Das würde ich gerne tun, allerdings ist Thielemann noch bei keiner einzigen Musiksitzung der Akademie aufgetaucht, und der Film war auch meines Wissens die einzige Veranstaltung, die er bisher dort gemacht hat.

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  • querstand

    Ist das düster, ist das schwierig, ist das vertrackt! Einmal möchte man den ganzen Thielemann verteufeln, dann findet man ihn in Interviews wieder netter als den Fragesteller. Mitunter: er provoziert auf alle Fälle! Metzmacher übrigens auch… Wenn Thielemann Pfitzner oder probelmatischeren Strauss macht, regen sich immer Gegenstimmen, finden sich aber auch glühende Anhängermeinungen – beide Seiten mit den üblichen Qulitätsschwankungen. Bei Metzmacher gab es bei der Aufführung Pfitzners “Von Deutscher Seele” fast NUR Gegnerschaft: er hat keine Verehrer bei der “Siegelringträgerfraktion”, bleibt das linksintellektuelle Publikum und Feuilleton, die ihn dafür zerrissen. So differenziert er sich dazu auch geäussert haben mag, wie das Projekt seinen kritischen Platz fand im Gesamtkontext in jener “deutschen” Saison in Berlin.

    Das Faszinierende: “Von deutscher Seele”, so unerträglich der Titel und der Nazi-Komponist Pfitzner sind und in dieser Paarung wirklich Übelkeit auslösen können, ist allemal – bis auf den dummdreisten Schlusschor – bessere Musik als diese Stadt-Wien-Festmusik, ist der Schluss selbst besser als das Festliche Präludium. Half alles nix, der Metzmacher hatte Alle gegen sich, keine Claudia Roth rettete ihn, keine Wagnertochter. Doch Thielemann: da sind alle baff vor dem Genie des konservativen Konsternieres.

    Zudem: das Festliche Präludium bspw. wurde in der Nachkriegszeit sowohl durch Bernstein mal dirigiert, genauso gab sich ausgerechnet die jetzt thielemannsche – welchen Freifahrtschein ihr das SED-Regime immer auch gegeben haben mag – Staatskapelle Dresden mit Böhm dem Rausch hin, findet man andere US-Orchester auch auf Youtube damit. Ich gebe zu, dass ich als Jugendlicher im elterlichen Haushalt auch auf eine Strauss-Böhm-Platt stiess, vorne mit Don Juan und Eulenspiegel, hinten das Festliche Unding, dieser Rausch mich mitriss, wie es auch Respighi-Blechbläser-Dezibel konnten. Also alles verdammen? Nein, schon gar nicht wenn es Metzmacher aufführte, ein harter programmatischer Kontrast gefunden würde. Ja, wenn es unbedingt Herr Thielemann machen muss! Der zitiert in Bezug auf Beethovens Neunte in einem Morgenpost-Interview auch Schönberg als Folge jener Linie. Aber Mahler? Da äussert er seine Probleme damit, auch wenn er im Jubeljahr ein paar Lieder wagte, in einem SZ-Interview ein wenig zurückschwamm. Dennoch wird da Mahler latent seine Achte, der Riesenorchesterapparat, vorgeworfen. Dann aber all die Straussklangballungen kommentarlos, verharmlosend in anderen Konzerten? Ich verstehe es nicht… Ich selbst werde selbst die Alpensinfonie Strauss’ und Mahlers Tod und eine Art indirekte Widmung Strauss’ dahingehend immer wieder Pro-Strauss anführen, sein Capriccio aus dem 3. Reich wie seine Daphne lieben, die Vier Letzten Lieder auf seiner satten Genfer See Flucht vor dem Entlastungsprozess als automatisch Hauptschuldiger wegen seiner anfänglichen Musikkammerpräsidentschaft nach 1945 geschrieben verteidigen, das Oboenkonzert, einiges mehr. Ja, er hat seine Villa in Garmisch vor der Requirierung durch die besetzenden US-Truppen bewahrt, indem er sich als den Meister einiger Orchesterstücke und Salomes, Elektras wie Rosenkavaliers betzeichnen konnte. Was wäre passiert, hätte er sich aus Toscanini-Bayreuth-Einspringer 1933 bezeichnet, als Freund Baldur von Schirachs, der ihm grosszügig in Wien unterstützte, als Goebbels ihm die Lustige Witwe als besser Musik um die Ohren schlug, der ihm aber auch mir-nix-dir-nix wohl halb- bis nicht-legale Erweiterungen seines Wohnprunks im Belvedere erlaubte?

    Wie man sieht – es zwickt und zwackt, es köchelt unter gewissen Konstellationen eine absolut ungeniessbare Suppe aus Strauss und Thielemann, wenn der mit Zweitklassigem, so erstklassig dieses Straussmuik kalkuliert und instrumentiert ist, uns seine Pseudo-Provokationen auftischt. Ja, er mag Widmann gespielt haben, Henze mag ihm applaudieren: wo sind die dirigierten Hartmann-Sinfonien, wenigstens ein Nono-Liebeslied, Webern-Kurzorchesterstücke, Altenberglieder, Lied von der Erde, Lyrische Sinfonie, Messiaen, Dallapiccola? Es deutscht lieber vor sich hin, so passt der derzeitige Strauss-Nacheiferer Rihm auch ins Bild, den er mit Mahler hier in seinem vorletztem Zyklus vereinte.

    Letztlich, bleiben wir bei Metzmacher/Thielemann, werden viele Thielemann musikalisch begabter als Metzmacher empfinden – tut dies auch Henze, dessen Requiem Letzterer aus er Taufe hob (was für ein Widerspruch: Reqiuem-Taufe!)? So gerne ich ihn mal noch kennenlernen würde, ich würde diese Frage lieber auslassen… Einige Einblicke in Thielemanns Musikalität gab letztes Wochenende ein Gespräch mit eigenen wie Beispielen anderer Dirigenten von ihm selbst mit Joachim Kaiser auf 3sat oder arte: Kaiser versank in seinem Sessel vor Verehrung, verstand mal von der wissenschaftlichen Seite her eine giocoso-artige Endstelle des 2. Satzes nicht, wo Thielemann mit seinem Gespür für Musik punkten konnte. Gar nicht punkten konnte er mit seiner ewigen Ritardando-Leuchtstift-Verdeutlichungs-Manie: rasten seine meisten Kollegen mit spätesten Crescendi aus der Scherzo-Überleitung in die Finale-Anfangs-Takte und flitzten mit der dumpfen Schärfe der dazutretenden Posaunen und der Halben und späteren punktierten Achtel und Sechzehntel weiter, verbreitert Thielemann die Halben fast zu Ganzen…

    Das macht er immer! Dem frönt er vor der Meistersinger-Coda, das macht er bei der Erocia, einfach immer, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet. Und all die heimlich mitdirigierenden Kaisers und Siegelringträger juchhe Schreien, weil sie es in ihrem Allgemeinplatz von musikalischer, hehrer Grösse genauso tun würden! Ich war beim Festlichen Präludium nicht dabei, hörte es nicht im Netz: ich kann aber viele Stellen sehen, wo grüne und gelbe, rote und blaue und auch braune Leuchstifte geschwungen werden… Normalerweise gehören die nur in die einzurichtende Dirigierpartitur! Aber muss Thielemann sie auch noch dem Publikum zeigen?!?

    Eigentlich kann man ihm im Einzelfall, nur den fokussiert, wenig vorhalten. Selbst seine Filmwahl sei ihm nachgesehen. Aber diese Melange aus Allem, nichts isoliert betrachtet gibt ein Bild von ihm, dass nichts von seinen menschlichen, sympathischen Momenten übriglässt. Zuletzt denke ich an ein Gespräch mit einem Münchner Komponisten, auch Akademiemitglied, der die Verantwortung der Presse in diesen Dingen auf den Punkt brachte: selbst wenn man wie im o.g. Morgenpost-Interview am Ende Ostpreussen-Zitate bringt, scheint jeder Interviewer heftigere, rechtslastige, wie auch immer nationalistische Töne stillschweigend auszulassen, reduziert man Thielemann nach allen Aussagen auf den “reinen” Musiker! Da bleibt einem die Spucke weg, um selbst noch Pf.. sagen, mind. denken zu können. Was für ein vernebeltes Kulturleben haben wir hier doch!! Ich empfehle der Weimarer Musikhochschule, mit Thielemann zugleich Erika Steinbach zu Ehrendoktoren zu ernennen und dann schön über ihre Ostpreussenerinnerungen schwelgen zu lassen. Möge die Staatskapelle Dresden mit ihm und ihr im Handgepäck Pfitzner und noch besser von Hausegger in Kaliningrad spielen… Gott sei Dank ist Letzterer wirklich gruslig, so das da auch dem Nur-Musiker Christian die Augen aufgehen könnten? Oder hört er nach Madonna doch dessen Musik? Das Allerschlimmste: alle differenzierten Ansätze werden, wie Arno Lücker sagte, zunichte gemacht! Es bleibt doch nur noch, dass wir mal wieder radikale Tabus aussprechen! Da graust mir dann aber vor den Generationen, die dann tatsächlich einen Strauss-Olympiahymnen oder Strauss-Präludiums-Reichsmusikfest-Auftritt lebensecht nachstellen werden und der Dirigent dann wirklich, ob theatral oder persönlich beabsichtigt, die rechte Hand zum unseligen Grusse heben wird…

    Euer Querstand

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