Cage gegen X-Faktor

Mal was zum Aufmuntern und als Beweis dafür, dass man auch heute noch mit Neuer Musik Zeichen setzen kann:

Aus England kommen auch mal gute Nachrichten, nachdem es ja mit der WM nichts geworden ist und mit der Bildung rasant abwärts geht. Genau wie bei uns ist England Opfer einer der schlimmsten Seuchen der Populärkultur: Castingshows. Und die heißen auch genauso wie bei uns, z.B. X-Faktor. Und genau wie bei uns werden jedes Jahr die vollkommen austauschbaren Gewinner dieser Shows zum Weihnachtsgeschäft mit ihren neuen CDs herumgereicht.

Cage against the Machine

Cage against the Machine

Und zunehmend mehren sich die Stimmen, die diese musikalische und komplett kommerzgesteuerte Gleichschaltung der Massen immer mehr ankotzt. Schon letztes Jahr gab es dagegen eine Protestaktion, in dem man einen Anti-Hit bei itunes unterstützte, nämlich „Killing in the Name“ von Rage against the Machine aus dem Jahre 1992. Und das mit Erfolg: die Schnulzensingle des Castingshow-Gewinners Joe Mac Elderry wurde auf den zweiten Platz der Charts verwiesen.

Dieses Jahr ist die Idee allerdings noch origineller: Aus einer Facebookinitiative wurde eine Kampagne , die inzwischen erstaunlichen Erfolg verbuchen kann, nämlich „Cage against the Machine“. Man mag die ausdiskutierte 4’33“ Nummer von Cage ja inzwischen schon etwas überbemüht finden, wenn aber bekannte englische Popkünstler wie Billy Bragg oder Suggs von Madness eine Nummer aufnehmen, in der sie tatsächlich keinen einzigen Ton von sich geben und eine authentische Aufführung nach Cages Intention versuchen, die gleichzeitig aber auch beißender Kommentar gegen das marktgesteuerte Pop-Business ist, dann ist das schon genial zu nennen. „Cage against the Machine“ – auf itunes für 99 cent erhältlich – ist auf dem besten Weg, Nummer 1 – Hit zu werden, denn die Aktion verbreitet sich wie ein Lauffeuer in allen Medien und findet gewaltige internationale Unterstützung. Jetzt beginnen auch deutsche Medien, darüber zu berichten, und wir wollen nicht tatenlos danebenstehen.

Also: Unterstützt diese Aktion indem ihr z.B.

Facebook-Freunde der „Cage against the Machine“-Initiative werdet

Den Song „Cage against the Machine“ by itunes herunterladet (die 99 Cent gehen allein an wohltätige Einrichtungen und garantiert an keine Plattenfirma). Auch als Klingelton super geeignet!

Euch über den Verlauf der Kampagne informiert

Freunde auf die Kampagne hinweist


Das Video bei youtube anschaut

Wenn es gelänge, dieses Stück zu einem Nummer 1 Hit in den Charts zu machen, wäre die Welt ein besserer Ort geworden. Helft alle mit!

Moritz Eggert

Moritz Eggert

Komponist

12 Antworten

  1. hufi sagt:

    Ich finde das Gegensteuern auf diese Weise zwar einigermaßen sinnlos. Aber besser als wie nichts ist es trotzdem. Spassmusssein!

    Aber ist das korrekt?

    (die 99 Cent gehen allein an wohltätige Einrichtungen und garantiert an keine Plattenfirma).

    Normalerweise bekommt doch iTunes (Apple) was ab, oder? Und ein wohltätige Einrichtung ist das doch eher nicht.

  2. peh sagt:

    4:33 in einem Tonstudio ist auch einigermaßen absurd… Aber immerhin schönes Verstärkerrauschen! Aber die Kameraführung ist so intentional, das passt überhaupt nicht zum nichtintentionalen sehen und hören…

  3. querstand sagt:

    Eine schöne Idee, aber was soll es! Die wahre Zufallsmusik findet im Theaterjackpot zwischen Politik und Verwaltung statt, bei der Frage, was das Profil sei, was den künstlerischen und/oder finanziellen Erfolg ausmacht. Wenn dann der Jackpot geknackt wird im Sinne einer Theaterschliessung herrscht nicht 4:33 min. Ruhe, dann heisst x hoch minus n an Schweigezeit – s. mein letztes Posting zu Philipp Schönes Beitrag.

  4. Ich teile die Meinung bzgl. der dümmlichen Castingshows und dem leider immer weiter sinkenden Niveau, finde aber darüberhinaus, daß weite Teile der sog. zeitgenössischen Musik sich auch prächtig dazu eignen, Menschen zu verdummen.

    Siehe Texte von Friedensreich Hundertwasser, Kishon oder George Steiner auf
    http://estheticstoday.blogspot.com/

    oder das sehr treffliche Video „Hurz“

  5. eggy sagt:

    @hufi: Damit hast Du natürlich recht, aber der Moloch Apple verdient ja ohnehin an allem was itunes angeht mit als Plattform, das kann man leider nicht verhindern. Und man kann ja auch gute Suchen über itunes bekommen – und die Plattform generell kann für Gutes genutzt werden.
    Moritz

  6. meiner Meinung nach zeigt man, indem man diese Aktion
    unterstützt nicht viel mehr als dass man auch nicht viel einfallsreicher, nicht viel besser ist als jene Propagierer von Quote, Carstingshows und Kulturverflachungen ist, gegen die sich die Aktion kritisch richten möchte. Aber man bedient sich dabei derselben Mittel und schielt dabei auch insgeheim (auch wenn es ein Joke ist oder ein Spaß)auf Massenwirksamkeit und Klick-Quoten….also auf schnelle und wieder schnell vergehende Aufmerksamkeit. Damit ist vielleicht kurzfristige Aufmerksamkeit erzielt, aber mehr nicht.

    Cage ist in gewissem Sinne sowieso schon der hyper gehypte „Popstar“ in der Neuen Musik. Dann lieber Lena unterstützen, den Carsting-Stars zwölftönige „Hommagen“ komponieren, dafür sorgen dass unser Collaps beschleunigt wird und dass eher eine Chance für Neues, für Tabula rasa (ohne Cage sches´Stillschweigen) besteht, als „Cage against the Machine“ und damit meinen, man würde damit eine Art „Gegenbewegung“ ins Leben rufen. Cage war ja selbst eine Art Maschine: eine I Ging-Maschine gewissermaßen. Vieles in seinem Werk ist der Prototyp für den x-Faktor und die Krise der Neuen Musik SELBST.

  7. hufi sagt:

    @moritz: Istjagut. War nur ein Bedenken und zu bedenken. Die guten Sachen sind da mittlerweile drin, Moritz Expert?

    Ich teile Jansons Kritik zum Teil. Ich würde es ja nicht so sehr an Cage festmachen. Der kann nun wirklich nichts dafür oder nur insofern, als er Dinge gemacht hat, die offenbar immer noch bewegend sind. Das wird meines Erachtens auch bleiben. Ihn hier als Prototypen zu bezeichnen, welch feine Ironie …

    Ich befürchte nur, dass diese Art des Chart-Schubsens so institutionalisiert wird, dass es langweilig werden muss und dass sie im Kern sowieso gar nichts bewirkt. Jansons Vorschläge sind: großartig. Ran ans Werk!

  8. querstand sagt:

    @eggy/janson/hufi: Warum gibt es eigentlich kein Composer’s Casting a la GSCC: Germany’s Super-Composer-Casting, noch härter als der GEMA-Autorenpreis. Rihm, Mahnkopff und Dinescu sind die Jury, Übertragung auf dem ZDF-Theatersubsubkanal. Jede und Jeder, welcher die 1000fach besuchten regionalen Vorausentscheidungen überlebt hat, muss persönlich vor der Jury seinen Rüffel abholen. Innert einer Woche sind immer wieder Kategorien wie Quartettkratzen, neo-rauchiges-Kunstlied, Opensource-Elektronik, zufälliges Schweigen, Spahlinger-Orchester-Demokratie und Musik mit/ohne Bilder zu durchlaufen. Das Publikum darf das Juryvotum durchkreuzen.

    Der/die Gewinnende muss auf alle Kompositionssymposien als Äh-Sager, darf nochmals exklusiv für die Donaueschinger Turnhalle ein Volleyballstück schreiben und bei Harald Schmidt seine/ihre Fortsetzung der Cheap Imitations präsentieren. Der Publikumstrostpreis für den/die Zweite/n ist eine langsam das Gesicht anzommende Grossaufnahme beim schnellen Betrachten aller Kanzlerneujahrsansprachen seit Erstsendung binnen 4 Minuten und 33 Sekunden, die nach der aktuellen gesendet wird, natürlich dies beim ZDF. Je mehr TV-Zuseher dies für das neue Testbild halten und die Beschwerdehotline in dieser Zeit verstopfen, je höher ist dann Extragratifikation.

    Ich bleibe bei meiner Verschwörungstheorie der heute eher politisch-administrativen Zufallsmusik. Dennoch ist das 4:33-Casting doch ganz ulkig. So witzig eben, wie ein 4 Minuten und 33 Sekunden Zusammenschnitt all dieser Schweigeminuten. Eigentlich ist es viel zu lang für Schweigen – man denke an Gedenk-Schweigeminuten, die niemals so lange Zeit in Anspruch nehmen dürfen. Es ist also doch eine gewisse Kunst, diese Zeit virtuos ruhig zu sein, ohne dass man unfreiwillige Lacher setzt. So bedarf es doch eines erfahrenen Musikmenschens das Stück richtig umzusetzen. Die fröhlichen Amateure können das nur mit merkwürdigen Extremen toppen, die dann wohl die Publikumsgunst erheischen.

    Seltsamerweise hält man gerade dieses Stück Neuer Musik als für Jedermanns Wiedergabe geeignet, weil Schweigen wohl so einfach ist. Ich frage mich immer wieder, ob es immer richtig ist Cagesche Musik mit der sozialen Skulptur Beuys‘ gleichzusetzen oder schlicht zu verwechseln, dass jeder mal darf und es kann. Cage sprach zwar von der Aufmerksamkeit, die jener Jedermann als Jeder im TV mal zugestanden bekomme. Ob er damit aber die eigentliche Wiedergabe seiner eigenen Kompositionen durch Jedermann meinte? Eigentlich darf man 4:33 nur wagen, wenn man grandios an der Virtuosität der Music of Changes gescheitert ist, es zumindest mal versuchte. Dann weiss man die Befreiung des Schweigestücks zu schätzen. Ich erlebe mit meinen Laienmusikern und Laiensängern immer wieder, dass gerade Pausen das schwierigste für jene sind. Für jeden schnellen Lauf kann man bis zu einem gewissen Grad selbst für Dilettanten eine Lösung finden, um so einfacher, wenn viele ihn spielen. Je gemeiner kleine Pausen gesetzt sind oder je länger über Takte hinweg pausiert werden muss, um so grösser die Diskussionen, verzweifelter die Mienen, nicht zu schnell das Minenfeld der Päuslein zu durcheiern. Wenn also diese lästigen Alltagszwangsaussetzer der Partituren geklärt sind, wenn mal richtig gestimmt worden ist, wenn richtige Dissonanzen eines kleinen „Neue Musikstücks“ bewältigt worden sind, dann kann man die Leute mal an 4:33 heranlassen. Natürlich ist es eine Herausforderung selbst für Anfänger 4:33 durchzustehen. EIn wenig Schweiss haben sie sich aber vorher schon verdient, bevor man das dann zu „easy durchzieht“.

    Gruss,

    Alexander Strauch

  9. @ querstands Casting-Vorschlag mit Mahnkopf in der Jury:
    Warum nicht – umgekehrt sozusagen – mal z.B. so eine Casting-Show machen?: Ganz viele E-Komponisten melden sich bei „Supertalent“ und DSDS und komponieren da ganz „schräges“, „schwer verdauliches“ Zeug. Und holen sich da den Rüffler von Bohlen und Co. ab (z.B. mögliche Kommentare wie: „mag ja abgefahren sein, was Du machst, aber auf mich hat das – und wie Du siehst für das Publikum hier – „0 Ausstrahlung“ es kommt einfach zu „intellektuell“ rüber …etc. …). Wer dann den dumpfbackigsten Spruch der Supertalent-Jurys provoziert, der darf für unsere geliebte Turnhalle in Donaueschingen ein fettes Orchesterwerk (unter Pflicht-Einsatz von Smartphones, iBooks etc.) komponieren und bekommt obendrauf noch den GEMA-Autorenpreis, Kategorie zeitgenössische Musik, Nachwuchs.

    @ Cage und manchen Folgen…:
    Dass mir hier mal Martin Hufner tw. zu stimmt ist historisch zu nennen (oder vielleicht der Vorweihnachtsstimmung zu verdanken? Oder es lag mal an mir und ich hatte mal einen guten Tag und vielleicht wirken Lebkuchen auch auf Rheinländer als Anti-Aggressiva und Anti-Verschwörungstheorie-Pharmaca?), wie auch immer:

    Aber ich bleibe bei meiner Cage-Kritik bzw. -Aversion (zumindest @ hermetische Stille-Ästhetik, Zufallskomposition, Aleatorik-Boom, die er (vermutlich selbst unfreiwillig)auslöste und die sich heute noch – noch reaktionärer – halten als die alte Avantgarde, auf die hier zuweilen geradezu überproportional eingedroschen wurde). Auch bleibe ich dabei, dass Cage (ob er Komponist war, darüber lässt sich – auch in seinem eigenen Sinn – streiten),heute ziemlich, und immer mehr, überschätzt und über-hyped ist (und vor allem zu oft schlecht nachgemacht). Er selbst würde das, lebte er noch, vielleicht sogar ähnlich sehen. Jedenfalls bin ich mir nicht sicher, ob Cage nicht heute sich über seine Stille-Epigonen (bzw. das was er im Grunde mit 4:33 „angestoßen“ hat) amüsieren würde. Es gibt heute längst (vor allem z.B. unter den hier in Düsseldorf wirkenden Wandelweisern) Komponisten, die mit Sempre-ppppp-Stücken und längst Pausen von 20, 30 Minuten und mehr um die Wette schweigen. Die fast nur (bzw. kaum anderes) in der Richtung in ihrem Kreis präsentieren. Komponisten und deren Anhänger, die dann den wenigen Ereignissen, die noch auf der Bühne als Rest des vom Komponisten Intendierten wahrnehmbar sind (neben eindringenden Klängen von „der Welt draußen“, die man „sein“-lässt, tolerant in den Stille-Kult „intrgriert“). Dann werden diese Klangereignisse noch quasi als „reinigend“, vom Eregniss-Überfluss in der (Neuen) Musik z.B. „heilend“, die (Zeit-)Wahrnehmung schärfend/erneuernd zu verkaufen versucht(letzteres stimmt noch tw., man hört eine Zeit lang wirklich aufmerksamer zu; die Zeitwahrnehmung ändert sich wirklich tw. massiver [längere Strecken Stille/pppp werden eine gewisse Zeit viel kurzweiliger erlebt als eine vergleichbar Ereignis-Dichte Passage]). Aber nur eine Zeit lang ist man davon fasziniert(zumindest mir geht es so, da bin ich vielleicht nicht der Einzige): dann schlägt es irgendwann in Langeweile um, d.h. eine kürzere Zeitstrecke wird dann als unendlich länger erlebt. GEMA-„technisch“ indes ist es natürlich „lukrativ“, solche Werke zu komponieren. Man hat mit wenigen Tönen die „maximal eficiency“ (um mal zynisch einen Ausspruch von Tom Johnson zu zitieren) erreicht; ein Werk das wenig – außer Stille (als Selbstzweck)- besagt in exorbitante Länge gezogen (über 2 Std. und mehr, da kommt was an Faktor zusammen…) aber nicht unbedingt an Wahrnehmungsschärfung auf Dauer oder an kompositorischer „Ökonomie des Materials“. Es geht eher leider auch um GEMA- Tantieme pro geschriebener Note als …“Nebeneffekt“…? – auf Kosten von Komponisten, die sich noch um so etwas wie Dramaturgie, Ausdruck und ehrliches kompositorisches Handwerk, um Intuition, Kreativität (bzw. Komponieren bei dem Stille nicht Selbstzweck wird) konzentrieren.

    Ebenso die Musiker, für die diese Stille-Überfrachtete Musik mal was anderes ist: Sie brauchen nicht (zumindest nicht technisch) viel zu üben (als überwiegend „wach“ zu meditieren und die Töne auch leise genug zu spielen und die extrem langen Pausen „exakt“ einzuhalten (falls noch genau vor gegeben vom Komponisten). Gewiss, dies ist eine Fähigkeit, die für eine Musiker wichtig ist, man kann in dem Bereich von einer durchaus fruchtbaren Art umgekehrter „Virtuosität ohne viele Töne“ sprechen, die z.B. jener Virtuosität zu versuchen einen schnellen Ferneyhough dem Notierten Nahe kommend zu spielen mal entgegen gesetzt wird. Aber diese Art von Stille- oder pppp-„Virtuosität“ nutzt sich schneller ab (als zweitere Firtuosität) und wird meist von den dar- bietenden Komponisten und/oder Musikern, die sich diesem Kreis zugehörig fühlen über-bewertet.

    Und:wo bleibt da insgesamt die Seriosität und der Bezug zum Leben/zur Zeit? Wo bleibt da die Wirkung und der Sinn von Stille noch überhaupt? Wenn ich als Zuhörer schon genau weiß, was mich erwartet: Minuten klaffender, aber mit impliziter (m.E. falscher) „Bedeutung“ überstrapazierter „Stille“. Und ich weiß als Hörer nach einer Zeit, kann mir denken: Man will mich „erziehen“, damit ich – armer, von der Welt gestresster Hörer“ wieder das „feine, das Leise am Rande der Wahrnehmung“ wahrnehmen lerne, damit ich von meiner – inneren oder äußeren – Unruhe und Geschäftigkeit für eine Zeit lang „pseudo“-erlöst bin. Reicht das aus?

    Es gibt für meinen Geschmack schon genug falschen New Age, genug falschen Spiritualismus, genug falsches Schweigen AUSSERHALB von Musik und Kunst. Im gleichen Maße wie global der Kulturabbau und neoliberalistisches Ausrichten des gesamten Lebens(sinns) auf Profit, Kapitalanhäufung, Konsumieren, Besitzen, hohle (Talkshow-) oder PISA- und OSZE-befriedigende „Wissensanhäufung“ (statt Menschenbildung)zu nehmen,
    desto mehr nehmen im Gegenzug diese Tendenzen des „Innehaltens“, des falschen Spiritualismus, des künstlichen, oberflächlichen „Daraus-einen Moment-Ausbrechens“ zu. Und das ist das – gewollt oder ungewollt – politisch Affirmative an ihnen.

    Nochmal back to meditation and Cage: Wenn ich meditieren oder stundenlang Stille (oder nicht Musik (also i.W.S. Klänge, von e. Menschen intendiert (entweder komponiert oder improvisiert) erleben will, dann gehe ich lieber direkt in abgelegene Natur oder in ein einsames Kloster (oder meditiere auch im Stadtlärm o.ä.). Aber ein schlechter, Cage sicher damit keine Ehre machender Cage-ianer oder Experimentator, wie man Cages 4:33 auf die Spitze treiben kann, muss ich dafür nicht werden. IN diesem Sinne (neuer, mal dahin geworfener Gedanke): 4:33 von U-Musikern „interpretiert“.. ;-)/sensationellerweise „entdeckt“… und „Cage against the machine“ bzw. die o.g. Aktion mag vielleicht einen Moment lang paradoxerweise gerade Anhänger von schnellebigen, „lauten“ Carstings und Quoten-Kulten ins INnehalten, zum Nachdenken über sich selbst versetzen … (mit etwas Glück). Aber dieser Effekt wird – fürchte ich – noch von kürzerer Dauer sein, wie man es als Hörer spannend oder revolutionär oder faszinierend findet, dass extrem leise Klänge umgeben von extrem Lange Stille (ob auf der Bühne oder im Studio(wo man dann so viel „Spannendes“ an Außengeräuschen außerhalb des Konzertsaals hört, sein eigenes pulsierendes Blut in das Erlebte integriert) die Zeitwahrnehmung (mal mehr mal weniger schnell in Langeweile umschlagend) verändern.

    Schönen, verschneiten Tag wünscht
    Erik Janson

  10. irmgard.traubl sagt:

    „ehrliches kompositorisches Handwerk“? wie kann Handwerk falsch oder unehrlich sein?
    Sich bei Bohlen und Co zu bewerben finde ich gut. Aber was soll man machen wenn einer weder zu Bohlen noch nach Donaueschingen eingeladen wird? Wenn es (schon) wieder mit dem ehrlichen (sic!) kompositorischen Handwerk nicht geklappt hat, was dann, was dann?

  11. querstand sagt:

    Stille…, lieber Erik, das hat tatsächlich was nerviges in seiner Inflation. Andererseits würde ich nicht alle Stillstückschreiber in eine, die Tonne stecken. Cage würde ich nicht mal auf die Tonne setzen. Es nervt bei diesem Projekt natürlich schon ein wenig, wie Alles, was Cage in Laufe seines lieben Lebens von sich gab, auf 4:33 angewandt wird, also für ihn genutzt wird. Andersum muss man Cage aber nicht gegen sich selbst kompilieren. So ganz der nette Bad Boy, wie Du ihn Dir ausmalst, war er auch nicht. Die Probleme der Neuen-Musik-Rezeption können ihm nicht Alle in die Schuhe geschoben werden. Ich würde eher die Entwicklungen ungut nennen, die sich durch die Cage-Rezeption ergeben haben: jeder darf sein Cagelein wagen, schliesslich hat man immer 4:33 Minuten Zeit, kann in den Number Pieces zwischen Sekunde 40 und Minute 1:20 den Ton wechseln, wie’s beliebt – so meint man. Dazu gehört allerdings zuerst mal das Durchleben komplizierterer Musik seinerselbst und seiner Zeitgenossen in Europa, bevor man sich an seine Stücke, äh, Stille herantrauen darf. So weit meine These von oben.

    Sieht man sich allerdings die Gesamtsituation der nicht mehr ganz neuen Musik an, die besonders in ihren ewiggestrigen Institutionen nur noch die Neue Musik ist, wie sie sich in Grabenkämpfe stürzte, wie sie das Publikum aus den Sälen trieb, wie schwer sie es jetzt wieder anzieht, wie madig jede einfache Freude dem auf Gefühliges Hoffenden gemacht wird durch unleserliche Programmhefttexte, durch den aufklärerischen Furor, den selbst Fachphilosophen nicht immer verstehen können, etc., dann wundert es mich doch nicht wirklich, wenn Neue Musik, die man verstehen, besonders erleben kann, mit Cage assoziiert wird, zumal er es dem Hörer und angeblichen Mitmacher so einfach macht. Sieht man sich das Projektvideo an, mit dem übervollen, im Leisen lauten Tonstudio an, wie angestrengt die Leute 4:33 Minuten schweigend durchhalten, sich am Ende bejubeln – so ganz amerikanisch eben -, versteht man als strenger Komponist die Leute dort, warum sie zu Cage enthusiastisch schweigen und nicht kreuzbrav still in unseren Konzerten hocken.

    Die Menschen, welche doch Neue Musik Hörer sein wollen, sich aber immer wieder von unserer Fundi-Sprödigkeit abgeschreckt fühlen, auch wenn es unter den Hörern Ausnahmen gibt, denen es nicht schwierig genug sein kann (und wie unaufmerksam kommen diese einem in der Mehrzahl beim Gespräch über das eben Gehörte vor…), sehnen sich doch einerseits nach was Neuem, andererseits wollen sie nicht ganz ausgeschlossen sein. Genauso fühlen sie sich inzwischen ebenfalls von sich explizit einfach gebender Neuen Musik abgeschreckt, gerade die Musik der Stillen ist doch meist eine der leeren Säle, so scheint Cage irgendwie die Balance zwischen einfach, doch anspruchsvoll, hermetisch konzeptionell sich gebend bis offen den Hörer mitnehmend zu halten. Gerade dieser Widerspruch macht ihn doch wieder interessant.

    Man mag den Stillen mit ihren leeren Notenseiten fast den Geschäftsmodellervorwurf um die Ohren klatschen. Sieht man aber die schöne Leere, die auch gute Ökonomie ist, der Noten Cages, gerade der Number Pieces, hat es wieder was faszinierendes, sein sog. „kompositorisches Handwerk“. Ohne Anekdote geht’s nicht: zu einem der Musica Viva BMW Wettbewerbe reichte ich mal ein Stück für verrückt-proportionskanonspielende Saiteninstrumente, Zuspielung und Orchester ein. Die Saiteninstrumente waren normal notiert, die Zuspielung in einem System in Noten, das Orchester in zwei Systemen ganz nach der Art von Cages Number Pieces und dann Andriessens Workers Union. Die Zuspielung wäre der Mitschnitt der GP oder vorhergehenden Aufführung gewesen, rückwärtsabgespielt, je mehr Material, je öfters das Stück geamcht worden wäre. Wahrlich grob und fast verdächtig zu schlicht für die Jury! So war es wettbewerbstechnisch ein Flop! Also den Stillen gerne an den Kragen, Cage aber nicht dafür kreuzigen.

    Apropos kreuzigen: die Tage sah ich eine Tanzperformance, in der eine Texteinlage heftigst die Neue Musik kritisierte, die gesamten Fluchtbewegungen des Publikums, die steifen Institutionen, die eigentlich die Neue Musik sind, eine aufschreiende Lobby, wenn es mal zurecht zu Veränderungen käme. Das gab mit zu denken, Moritz, ob wir tatsächlich selbst hier eher mal später „Solidarität“ rufen sollten, wenn Kürzungen anstehen. Die Neue Musik scheint mitunter zu den ersten Aufschreiern zu gehören, wo ggf. eigentlich niemand sonst aufschreien möchte.

    Der andere Gedanke galt einem Vergleich von Broker und Komponisten. Gerne schimpfen wir ja hier auf die bösen Bänker. Andererseits sah man uns in jener Performance auf deren Seite: vor lauter Zahlen-, Konstruktionsglauben, den man für Fortschritt hält, sich so als Avantgarde sieht, sieht man dann die eigentlichen Probleme nicht mehr bzw. verschliesst vor diesen bewusst die Augen, holt das Maximum selbst im Minimum für sich raus (eher die Komponisten) und schreit dann laut auf, wenn die Felle entglitten sind, fordert Verantwortlichkeit besonders von anderen Institutionen, gerne vom Staat… Das sollte uns allen Mal zu denken geben.

    Das ist ein wenig wie die jetzt ergangene Einladung zur ausserordentlichen GEMA-Mitgliederversammlung, auf der erst jetzt angekommene Mehreinnahmen aus PC-Abgaben verteilt werden sollen. Jetzt wissen wir von diesem Plus plötzlich, haben eigentlich nix direkt dafür getan, wurden nicht direkt Stücke aufgeführt, die zu Geld führen. So werden wir dieses magere Plus verteidigen, als sei es schon immer unser Recht gewesen. Das ist vielleicht ein wenig falsch dargestellt. Aber dieses Hauen und Stechen, das beim Geldverteilen wie Stilpfründeverteidigen durchaus gleich ist, das macht uns durchaus zu Kritik am System Berechtigte der Mehrheit der Bürger und Bürgerinnen nicht sympathischer…

    Gruss,

    Alexander Strauch

  12. plausibel geantwortet, Alexander,

    in den Number Pieces und vielem anderen von Cage herrscht tatsächlich eine heilsame Ökonomie; ich bin weit davon entfernt Cage allein für eine Art um sich greifenden „Stille-Terrorismus“ (der Ausspruch ist keine Erfindung von mir sondern machte sogar in Darmstadt zuweilen (2006, 08) unter Besuchern/Komponisten/Musikern die Runde) verantwortlich zu machen.

    Denn in meinem letzten Blogging lugt ja durchaus mein
    Respekt um die Verdienste Cages und auch seines 4:33 etc. hervor und dessen was es auslöste.

    Komponieren ist natürlich auch Auseinandersetzung mit Stille. Pausen sind zuweilen wichtiger als Noten. Das kann
    man an vielen Beispielen fest machen, nicht nur an Webern, Feldman, Cage etc. Stille steht immer am Anfang; Stille ist etwas Wunderbares (ob nun utopisch, nie 100% einlösbar, oder nicht). Aber auch Stille lebt vom Bezug auf etwas, was Nicht-Stille ist.

    Und in zwei Punkten (@ Rezeptions-Problem der Neuen Musik) stimme ich Dir nicht ganz zu, lieber Alexander:
    1.Dass ewige ästhetische Grabenkämpfe untereinander dasjenige sind, was Publikum in erster Linie abschrecke
    und weshalb wir uns dann über die Krise nicht wundern dürften. (Eher noch finde ich – zumindest ästhetische -Grabenkämpfe sind weiterhin das Salz in der Suppe, was Außenstehende auch neugierig auf uns machen kann…).

    2.Dass die Leute durch eine Art „Fundi-Sprödigkeit“,z.B. durch philosophisch überfrachtete Werkkommentare o.ä.
    abgeschreckt würden und dass dies mit ein Hauptgrund dafür sei, warum sich kaum einer für uns interessiere.

    Daraus lugt mir ein bissel zu sehr pauschales Selbstgeißelungs-Denken unseres Genres hervor. Man muss immer von Komponist zu Komponist, von Werk zu Werk, von „Neue Musik“-Programm zu Neue Musik-Programm denken und diese Sache beurteilen und auch: von Veranstalter zu Veranstalter. Denn oftmals sind es ja auch routinierte Veranstalter/Festivalbetriebe, die uns Werkkommentare ab verlangen, wo wir manchmal zu einem Werk gar nichts sagen wollen sondern es einfach so wirken lassen wollen auf das Publikum wie es ist um dann ab zu warten, Wo/Wie authentische Anschlusskommunikation ansetzen könnte.

    Das Problem der Anschlusskommunikation und unseres Gehörtwerdens in „breiteren“ SChichten ist doch vielschichtiger und – ich will nicht wieder das Problem der Überfrachtung der Wahrnehmung der Leute mit anderen Dingen (Multimedia, insbes. Internet, Dsds, leicht Verdaulichem, Häppchen- oder Eventkultur etc.)
    ins Feld führen quasi als „Ausrede“ dafür, dass wir so weiter machen sollten wie bisher oder gar, dass wir quasi aus „Protest“ dagegen noch extremere Philosophen oder „Weltverbesserer-„Fundis“ werden sollten. Aber diese Dinge als Herausforderung und Mit-Grund für die Krise speziell der Neuen Musik aus zu blenden und primär uns selbst als Ursache zu sehen, das wäre auch nicht richtig. Es hängt alles miteinander zusammen.

    Ich würde mal so sagen: was wir primär erstmal wieder tun müssten ist:
    a) mehr als bisher gegen Routinen agieren(z.B. dass wir immer unsere Werke „erklären“ sollen, dass sie nicht mal aus sich selbst heraus sprechen).

    b) Erwartungshaltungen aufgeben, z.B. dass Festivals aber auch freie Szene weiterhin Gelder bekommen sollen, wenn sie sich nicht mehr darum bemühen, neue Wege zu beschreiten beim Bemühen um mehr Publikum und wenn sie nicht enger, solidarischer zusammen arbeiten als bisher.

    c) auch gegen Automatismen im Denken an gehen, z.B. auch den, dass durch bestimmte „Zauberworte“ wie „Vermittlung“
    oder mal einzelne Schulprojekte, durch Züge, die durch die Provinz fahren automatisch auch schnellen „Erfolg“ der Vermittlung Neuer Musik nach sich ziehen/ziehen können.

    Selbst eine erfolgreiche Einsicht in Punkten a) bis c)
    griffe noch zu kurz um das Problem zu beheben:

    denn d) Nachhaltigkeit in der Vermittlung Neuer Musik (wie aller Musik, auch Kunst, jeglicher echter Kultur und Bildung) wird es doch nur geben, wenn INSGESAMT wieder mehr für echte Bildung (nicht nur für „Wissensvermittlung“, „Humankapital“ oder PISA!) ausgegeben wird in den Schulen, also für den sog. „normalen Basis-Musikunterricht“ z.B. mit all seinen Basics und Bildungsdesideraten! Wenn Schulen nicht zu bloßen „Verwahranstalten“ verkommen, wo Musik mehr und mehr aus den Lehrplänen mangels Lehrer oder Geld gestrichen wird. Wenn mehr Lehrer und vor allem angehende Lehrer als bisher/derzeit auch für Neue Musik überhaupt begeistert werden, sie tw. überhaupt mit offener Haltung kennen lernen können. (Dafür zu sorgen das fängt an den Hochschulen, bei der Lehrerausbildung an, die nicht nur die richtigen Rahmenbedingungen bereit haben müssen sondern auch die richtigen Leute, die für Neues offen/aufgeschlossen, die neugierig sind, müssen an den entscheidenden Positionen sitzen!).

    Musik, wie bildende Kunst, muss man immer auch zu gestehen, dass sie um ihrer selbst willen da sind und gehört werden wollen.

    @ Frau Traubl
    Mit „ehrlichem Handwerk“ und im Kontext dessen, was ich schrieb meinte ich eher: ich fände es Herz erfrischender (als z.B. Stille-Kompositionen), wenn Komponisten wieder mehr um Dinge wie Dramaturgie, Ausdruck oder „Wie erreicht man den Hörer (AUSSER STILLE)“
    kümmern. Und natürlich gibt es für mich auch „unehrliches“ Handwerk. Dann nämlich würde ich persönlich davon sprechen,, wenn ein Komponist (egal wer) zwar handwerklich ordentlich arbeitet, ein gut „funktionierendes“ Werk quasi „abliefert“, wenn aber das nicht mit seiner inneren Intention übereinstimmt und wenn das komponierte Resultat von vorne herein und primär einen Zweck erfüllen soll (nämlich entweder möglichst gleich „von allen/möglichst vielen verstanden“ zu werden, viel GEMA ein zu bringen o.ä.). Wenn also das innere Motiv des Komponierens und des musikalischen Einfalls zu sehr von „pragmatischen“ Motiven überlagert wird.

    In diesem Sinne, schönen Tag,
    Erik Janson

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